Hawaii2013 06 960„Klick düdüdüdüdüdüdüdüdü“, verdammt, schon vorbei? Naja: zwei Stunden Schlaf sind eben nicht so lang, schnell duschen und dann ab zur S-Bahn. Ich habe auch noch die Tickets, hoffentlich geht nichts schief. 7.00 Uhr Morgenröte Rautenkranz an der Beusselstraße. Eine leichte Melancholie befällt mich. Ich muss an Elias aus „Platoon“ denken, auf Knien, von zig Kugeln durchlöchert, dann das schwermütige Lied… ohje, das muss der Rest Cola-Rum sein. Man muss Prioritäten setzten in seinem Leben, und da steht eine zünftige Party nun mal eine Stufe über 8h Schönheitsschlaf. 
18 Stunden später: San Francisco. Der Flug war so traurig, alle Filme, die kamen, hatte ich schon im Netz gesehen, und „The Stand“ zu lesen machte mir Angst: Eine Art Virus befällt die Menschheit, jeder, der niest, ist verdächtig. Im Delirium aus Schlaf, einer bösen Geschichte und leichtem Flugstress kann man schon mal Wirklichkeit und Traum vermischen. Nach 7 weiteren Stunden, einer Umarmung mit der wohl schnuppernden Katharina von Hannes Hawaii Tours, einem kühlen Erdinger und einem Thunfisch-Sandwich später, ist die Welt wieder in Ordnung:
 „Hawaii Baby!!!“

Ja, „Baby“ sagt man nicht, besser wäre „Babe“, meins ist aber nicht hier,  und Katharina scheint doch ziemlich unnahbar. Here we are! Aloha State, Ironman Hawaii, Mutter und Vater, Zwitterwesen aller Triathlons, unglaublich, wenn man es sieht, ist es auch da.
 Hawaii2013 04 9605 Uhr 30 und hellwach, das muss der Jetlag sein. Kurze Zeit später stehe ich zusammen mit Badeschlüpfer und Papi am Schwimmstart in Kona; „Verweile Augenblick, du bist so schön!“ Rechts das King Kamehameha Hotel, links der Alii Drive und vor mir der Pazifik. Das größte Aquarium der Welt. Schwimmen mit blauen Fischen, gelben, grünen, lila Fischen, bunten Fischen, dicken Fischen…(frei nach Bubba). Es folgt das erste full american breakfast und Kontaktaufnahme mit amerikanischer Dienstbarkeit: Man fragt nicht nach einem Glas Wasser oder einem Kaffee, nein, man bekommt ein Frühstücksverkaufs- und Beratungsgespräch: „Hello I am Casey, ich bin Ihre Betreuerin an diesem Morgen“. Kurze Zeit später lächeln mich ein Riesenomelette mit Backkartoffeln, Avocado und fettigem bacon an.
Später stehen wir und 30 andere Triathleten vor Hannes, ca. 2km weiter in leichtem Dunst ist ein Denkmal zu erkennen. „Das ist das ‚Captain Cook Monument‘, in dieser Bucht lag vor über 200 Jahren sein Schiff vor Anker. Es ist nur vom Wasser aus zu erreichen, also schwimmen wir jetzt dahin.“ Was tut man nicht alles für ein bisschen Kultur. Der Vati und ich stürzen uns in die Fluten. Die Mutti winkt uns zu: „Passt auf euch auf!“. Nach 20min schaue ich nach hinten, dann nach vorn. Oh Gott, gerade mal die Hälfte geschafft. Rechts von mir eine steile Felswand, links  5.000km weiter Japan, unter mir der Pazifik. Wie klein und hilflos man doch in der großen weiten Welt ist.
Abends zu dritt in einer Bar direkt am Meer, die Sonne geht unter, in der rechten Hand ein kühles Liquid Aloha, in der linken nichts, gehen mir Steffens Worte durch den Kopf: “Ich wünsche euch, dass Ihr soviel wie möglich vom Spirit der Insel in euch aufsaugen könnt.“ Oh ja, das muss er meinen. Ich schaue in die Runde: die Mutti wirkt sehr entspannt, dass könnte aber auch am dritten Glas Weißwein liegen. Der Vati schaut stirnrunzelnd ins Abendrot, wahrscheinlich denkt er daran, welchen Mantel er aufziehen soll oder was er in der Wechselzone alles falsch machen kann. Ich stelle mir erstmals die Frage, ob ich gerne mit ihm tauschen würde.

Tage später finden wir uns zusammen mit 50 anderen Athleten in einem gelben ehemaligen Schulbus auf der Fahrt nach Hawi wieder. Über 2 Stunden für 90km, ein widersprüchliches Land, jeder kann eine Waffe tragen, darf aber nur mit 50mph zur Schießerei fahren (Was würde wohl Steffen dazu sagen?). In Hawi schwingen wir uns aufs Rad, um die Wettkampfstrecke abzufahren. „Schön ruhig, in fünf Tagen ist der Start und es macht keinen Sinn zu heizen“. Die ersten 5km bleibe ich noch dran, dann lasse ich den Vati ziehen. Er konnte es wohl nicht ertragen, von den anderen überholt zu werden. Der Mumukuwind ist gigantisch und kommt von allen Seiten, nach 50km habe ich genug und bekomme einen Platten (an dieser Stelle bedankt sich der Verfasser offiziell bei sämtlichen Vulkanen von Big Island für das Ausspucken kleiner spitzer Lavasteinchen). Ein Pickup lädt mich auf und ich fahre auf der Ladefläche den Highway entlang, vorbei an endlosen dunklen Lavafeldern…
Die Wettkampfbesprechung schenke ich mir, lieber geht’s mit der Mutti zum Schnuppergolfen. Der Vati kommt ganz entspannt von ihr zurück, „Alles easy, viel Wind und Hitze“ war die Hauptaussage. Es beginnt die heiße Phase, nichts mehr mit slow life, 8 Herz oder ähnlichem. Kona gleicht einem Wespennest, überall zappelnde Athleten auf Rädern oder beim Laufen. Früh um 7.00 Uhr am alltäglichen Schwimmstart ist nix mehr mit „Augenblick“ und „schön“, alles gackert, jeder hat noch einen Geheimtipp parat. Die Konkurrenz beäugt sich, alle sehen so fit aus, keine Fettpölsterchen, überall nur fahle, fokussierte Gesichter. Es ist kaum Demut zu erkennen, niemand genießt es, hier zu sein, Verbissenheit ist das Credo. Man hört das typische Gelaber und Geprotze, dazu Zeitenvergleiche und dumme Sprüche: „Eigentlich wollte ich mich gar nicht qualifizieren, und jetzt nehme ich das nebenbei dann mal mit“ oder „Ich war noch 3 Wochen krank, ich bin überhaupt nicht in Form“. Wut steigt in mir auf: Hoffentlich fressen euch heute beim Schwimmen die Haie, ihr Affen ihr … ruhig, Brauner … was würde wohl Steffen dazu sagen?
 Ein Tag vor dem Start, jetzt kann man nicht mehr viel tun. Ich sitze mit einer Büchse Liquid Aloha und den Eltern auf dem Balkon. Die Sachen und das Rad sind eingecheckt, ich bin mit dem Vati ein paarmal alles durchgegangen. Viel kann man nicht falsch machen, es gibt keine Runden zu zählen. Das wichtigste ist: Konzentration hochhalten, Tempo kontrollieren, viel trinken, viel kühlen, Sonnencreme besorgen und auf den Wind aufpassen. Spaß haben und vor dem Sekundenmann aus Frankfurt ins Ziel kommen.
Morgens in der Bucht von Kona: Hunderte von Menschen säumen den Schwimmstart. Es herrscht eine  familiäre, gar  spirituelle Stimmung. Die Morgendämmerung legt die Bucht in ein diffuses Licht, von irgendwo her hallen rhythmische Trommelschläge. Ein Kanaka Maoli singt in einer uralten Sprache. Es folgt ein Kanonenschuss und die Profis starten. Ich habe feuchte Hände und ein leichtes Kribbeln in den Eiern, gleich startet der Vati! Nun versammeln sich ca. 2.000 Starter in der kleinen Bucht: Feuer kawumms, auf geht’s. Die Belohnung für ein Jahr hartes Training wartet!

 

 Hawaii2013 08 960Wenig später heizt der Vati an uns vorbei …und tschüß!, ab in die Lavafelder durch sengende Hitze radeln und am Rand stehen genau NULL Zuschauer, wir sehen uns in fünf Stunden. Also ab ins Hotel frühstücken und den Livestream verfolgen.

Zwölf Uhr mittags, die Sonne steht fast im Zenit, meine Badelatschen kleben auf dem Aliidrivianischen Asphalt fest: „Auf geht’s Sebi!!! Komm Faris, Attacke…Timo, Christian….“. Schnell noch was zum Mittag, die Mutti eingesackt und dann ab auf die Wettkampfstrecke; der Vati würde gleich auf die Laufstrecke wechseln. Nachdem er beim Schwimmen offenbar im Wasserschatten einer Riesenschildkröte schwamm, wird er sich auf dem Rad ja wohl ein wenig nach vorn gekämpft haben. High Five! „Du siehst gut aus, klasse Radzeit, jetzt schön den Rhythmus finden“, ich klatsche ihm noch einen Fünfmarkstück großen Batzen Melkfett in die Hand und schicke ihn weiter. Puuh, ist das spannend.

 Hawaii2013 12 960Wir wandern zum Kualini Drive, wo Hannes Hawaii Tours ein Lager mit lauter Musik und kühlem Erdinger(mit Stoff) aufgeschlagen hat. Alle Athleten, die vorbeikommen, freuen sich - wir klatschen, tanzen und johlen. Dann kommt der Vati, schon von weitem erkenne ich, das er leichte Schlagseite hat, wie ein Schiff, das falsch beladen ist, steuert er auf uns zu. Naja, bei km25 in einem Ironman sieht wohl fast jeder so aus. „Auf geht’s, nicht einschlafen beim Laufen, Knie hoch, aufs Tempo achten, fein machst du das!“ Der wohl schlimmste Teil für Körper und Seele steht Ihm nun bevor, der  breite,  nie enden wollende Highway entlang ins Energy Lab. Wüste Legenden spinnen sich um selbiges. Temperaturen über 40 Grad, keine Menschenseele und ganz wenig Hoffnung. Nach zehn Stunden Renndauer machen wir uns auf zum Ziel am Alii Drive. Kurze Zeit später kommt er angewackelt, überglücklich, ein breites zufriedenes Grinsen schmückt sein Gesicht… geschafft!
Gegen 9.00 Uhr abends sitzen wir bei Pizza und Liquid Aloha am Alii Drive, immer noch kommen Läufer vorbei, die gerade erst auf dem Weg zum Lab sind. Wir stoßen auf alles an: auf Big Island, den Vati, den Wettkampf und das Meer …